Campus Kiel - Luftbild

Spitzenkräfte für die Medizin von morgen

Dienstag, 26. Oktober 2021

Beim ersten Clinician Scientist Research Day in Kiel präsentierten junge Ärztinnen und Ärzte sich und ihre Forschungsergebnisse

In der Klinik stehen sie als Assistenzärztinnen und -ärzte noch relativ am Anfang ihrer Karriere, beim Clinician Scientists Research Day am 25. Oktober 2021 rückten sie in den Mittelpunkt. „Wir haben diesen Tag veranstaltet, um diesen talentierten jungen Leuten an der Schnittstelle zwischen Klinik und Forschung eine Möglichkeit zum intensiven Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen zu geben“, betont Professor Ulrich Kunzendorf, der die Klinik für Innere Medizin IV mit den Schwerpunkten Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, leitet, und die Veranstaltung organisiert hat. 37 Clinician Scientist (CS) werden derzeit in den verschiedenen Programmen der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Kooperation mit dem UKSH und der Universität zu Lübeck (UzL) gefördert. Sie durchlaufen eine strukturierte fachärztliche Weiterbildung und haben geschützte Zeiten für die Forschung. Beim Research Day im Maritim Hotel in Kiel stellten die CAU-Nachwuchsforscherinnen und -forscher sowie einige Gäste aus einem CS-Programm der UzL ihre Projekte in kurzen Vorträgen den rund 80 Gästen vor und diskutierten sie anschließend am Poster.

Freiraum für eigene Forschungsprojekte

Einer von ihnen ist Dr. Tim Hollstein. „Mir war wichtig, dass ich bis zum Facharzt gefördert werde und die Forschungsrotationen über mehrere Monate gehen“, sagt der angehende Facharzt für Innere Medizin. „Mein Forschungsbereich ist der Energiestoffwechsel. Ich erforsche, warum manche Menschen zu Übergewicht neigen und andere nicht, obwohl Nahrungsaufnahme und körperliche Aktivität identisch sind. Hier in Kiel habe ich für diese Forschungen ein optimales Umfeld. Und die Arbeitsgruppe in der Ernährungswissenschaft von Professorin Anja Bosy-Westphal verfügt über Geräte, die in Deutschland einmalig sind.“

Kontakt zu Patientinnen und Patienten zu haben und Teil der Krankenversorgung zu sein, ist für Dr. Dora Stölzl aus dem Clinician Scientist Programm des Exzellenzclusters PMI wichtig. „Ebenso wichtig ist mir, dass ich den Freiraum bekomme, um eigene Forschungsprojekte zu realisieren. Das Programm unterstützt uns auf unserem Karriereweg gleichzeitig klinische und wissenschaftliche Kompetenzen zu erwerben und anzuwenden“, erklärt die Assistenzärztin der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des UKSH, Campus Kiel. Sie erforscht Biomarker, die möglicherweise Auskunft über den Krankheitsverlauf der atopischen Dermatitis (Neurodermitis) geben könnten und wurde mit dem Deutschen Neurodermitis Nachwuchspreis 2021 ausgezeichnet.

Kombination aus strukturierter Facharztweiterbildung und klinischer Forschung

„Nachwuchskräfte wie diese erhalten hier eine klar strukturierte Weiterbildung in den Bereichen Forschung, Krankenversorgung und Führungskompetenzen. Wenn diese abgeschlossen ist, sind sie Fachärztin oder Facharzt im jeweiligen Gebiet, haben sich habilitiert und können Führungspositionen nicht nur in Unikliniken übernehmen“, erläuterte Kunzendorf in seiner Begrüßungsansprache. Wie wichtig der CAU und dem UKSH diese Nachwuchsförderung ist, machten die Unipräsidentin Professorin Simone Fulda, der Dekan der Medizinischen Fakultät Professor Joachim Thiery und Andrea Eickmeier aus dem Wissenschaftsmanagement des UKSH in ihren Grußworten deutlich. Derzeit laufende Weiterbildungsprogramme sind das Clinician Scientist Programm des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI), das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte "Clinician Scientist Program in Evolutionary Medicine (CSEM)", das Else Kröner-Forschungskolleg Kiel (EKFK) „Darm-Hirn-Achse", die zusammen mit dem interdisziplinären Programm der Medizinischen Fakultät in die „Clinician Scientist Academy Kiel" eingebettet sind.

Von der Ärztekammer zertifizierte Weiterbildungscurricula

Kunzendorf: „Was uns auszeichnet und von ähnlichen Programmen in anderen Bundesländern unterscheidet, ist die Zusammenarbeit mit der Landesärztekammer. Die Weiterbildungscurricula sind offiziell von der Ärztekammer Schleswig-Holstein zertifiziert.“ In anderen Bundesländern werden die Forschungszeiten in der Facharztweiterbildung oft nicht einheitlich anerkannt, dadurch verlängert sich die Weiterbildungszeit für Clinician Scientists deutlich. Die Vorteile der hiesigen Programme liegen auf der Hand: „Die Weiterzubildenden haben Planungssicherheit. Am Ende des Programms, das je nach Fachgebiet bis zu acht Jahre dauert, haben sie ausreichend Forschungszeiten, mehr als bisher üblich war, und sie haben auch alle Inhalte erworben, die sie für die jeweilige Facharztprüfung benötigen“, erklärte Professor Henrik Herrmann, der als Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein die CS-Initiative von Anfang an unterstützt hat.

„Wir stehen zu 100 Prozent hinter diesem Weg. Uns als Kammer ist wichtig, dass nicht nur die Patientenversorgung sichergestellt wird, sondern dass auch im ärztlichen Bereich Forschung stattfinden kann. Und wenn ich das schon in meiner Weiterbildung in gutem Maße lernen kann, dann werde ich höchstwahrscheinlich auch später in der Forschung bleiben.“ Und das stärke den Forschungsstandort Schleswig-Holstein. „Die Programme sind ein Erfolgsmodell und machen das Universitätsklinikum an beiden Standorten attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte“, betonte Herrmann in seiner Ansprache. Und nicht zuletzt profitiere auch die Krankenversorgung von Clinician Scientists. Denn gerade Forscherinnen und Forscher, die auch ein Standbein in der Klinik haben, tragen dazu bei, innovative Diagnose- oder Therapieverfahren zu entwickeln und in die klinische Versorgung zu überführen.

Zitate:

Prof. Dr. Simone Fulda, Präsidentin der CAU
„Die Clinician Scientist Academy Kiel ist ein wichtiger Baustein, um die wissenschaftsorientierte Personalentwicklung der Hochschulmedizin in Kiel und in Schleswig-Holstein zu fördern und damit durch wissenschaftliche Erkenntnisse die Versorgung von Patientinnen und Patienten unmittelbar zu verbessern. Im Spannungsfeld aus Krankenhaus- und Wissenschaftsbetrieb erbringen die forschenden Ärztinnen und Ärzte zudem essenzielle Leistungen für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Universitätsmedizin im internationalen Vergleich.“

Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH
„Unsere Patientinnen und Patienten profitieren davon, wenn wir uns in der Hochschulmedizin wieder stärker einer Forschung zuwenden, die in die Krankenversorgung integriert und von der Krankenversorgung inspiriert ist. Universitätsklinika nehmen gerade auch über diese translationalen Potenziale ihre Rolle als Innovatoren im Deutschen Gesundheitssystem wahr. Patientenorientierte Forschung, die Erkenntnisse aus der Klinik gewinnt und Ergebnisse daraus direkt ans Krankenbett bringt, ist aktuell hoch produktiv.“

Prof. Dr. Joachim Thiery, Dekan der Medizinischen Fakultät der CAU
„Der steigende Bedarf an klinisch und naturwissenschaftlich exzellent qualifizierten Ärztinnen und Ärzten ist in der Pandemie besonders deutlich geworden. Corona hat uns gezeigt, wie effizient, aber auch wie verletzlich und unvollkommen unsere medizinische Wissenschaft und Versorgung sind. Clinician Scientists sind unverzichtbar in diesem Zusammenhang.“

Die vier Clinician Scientist Programme:

Precision Medicine in Chronic Inflammation
Ziel des Exzellenzclusters PMI ist es, wissenschaftlichen Fortschritte aus der Grundlagenforschung für Patientinnen und Patienten mit chronisch entzündlichen Erkrankungen zur Anwendung zu bringen. Unerlässlich dafür sind Clinician Scientists. Sie können dringende klinische Fragestellungen ins Labor tragen, das klinische Potenzial grundlegender Erkenntnisse erkennen und so die Zukunft der Medizin gestalten. Im Zentrum von Forschung und klinischer Arbeit stehen die Früherkennung von chronisch entzündlichen Krankheiten, vor allem von Darm und Haut, die Vorhersage von Krankheitsverlauf und Komplikationen und die Vorhersage des individuellen Therapieansprechens.

Clinician Scientist Program in Evolutionary Medicine
Fokus des CSEM-Weiterbildungsprogramms ist die evolutionäre Medizin. Die Grundsätze evolutionsbiologischen Denkens und Forschens werden in den Bereichen Antibiotikaresistenz, Onkologie, Hautbarriere, Entzündung, Mikrobiom und Altersforschung zur Anwendung gebracht. Hierfür werden biomedizinische und evolutionsbiologische Kenntnisse vermittelt. Ziel ist es nachhaltige Lösungen für die großen Fragestellungen der Medizin zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen zum Beispiel Krankheitsbilder wie entzündliche Hauterkrankungen, Autoimmunerkrankungen, die auf eine gestörte Bakterienbesiedlung des Körpers zurückgehen, sowie verschiedene Krebserkrankungen. Schon heute lässt sich erkennen, dass die evolutionäre Medizin auf diesen Gebieten vielversprechende Perspektiven eröffnet. Diese Ansätze sollen weiterverfolgt werden und systematisch in die medizinische Ausbildung einfließen.

Darm-Hirn-Achse - Else Kröner-Forschungskolleg Kiel
Ziel des Clinician Scientist Programms des EKFK ist die Erforschung der wechselseitigen Beeinflussung von Darm- und Gehirnfunktion. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass chronische Krankheiten trotz unterschiedlicher Symptome sehr ähnliche Ursachen haben können und dass sich unterschiedliche Krankheitsvorgänge wechselseitig beeinflussen. Die Beeinflussung von Darm und Gehirn spielt einerseits bei neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose, der Parkinson- oder der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle, andererseits kommt sie bei internistischen Erkrankungen wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Übergewicht und Diabetes zum Tragen. Die Forschung umfasst krankheitsübergreifende Entstehungsmechanismen und Einflussfaktoren von neurologischen und internistischen Erkrankungen.

Medizinische Fakultät
Das fächerübergreifende Clinician Scientist-Programm der Medizinischen Fakultät ermöglicht forschungsbegeisterten Ärztinnen und Ärzte, individuelle Forschungsprojekte während der Facharztweiterbildung zu realisieren. Die Forschungsvorhaben der Clinician Scientists sind flexibel gestaltbar, je nach wissenschaftlichem Interesse und angestrebter Facharztqualifikation. Derzeitig tätige Clinician Scientists erforschen etwa, wie sich der regulierte Zelltod in vitro und im Tiermodell hemmen lässt, um diese Erkenntnisse in Patienten anzuwenden, die an Krankheiten leiden, die mit einem pathologisch gesteigerten Zelltod einhergehen. Solche Krankheiten sind beispielsweise Herzinfarkt, Schlaganfall, aber auch Lungenversagen nach einer Covid-19-Infektion.


Bildmaterial steht zum Download bereit:

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Klinikchef Prof. Ulrich Kunzendorf (links) im Gespräch mit den Nachwuchsforschenden Dr. Tim Hollstein und Dr. Dora Stölzl.
© Fabian Lippke/Uni Kiel

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Clinician Scientists sind die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung. Sie tragen dazu bei, innovative Diagnose- oder Therapieverfahren zu entwickeln und in die klinische Versorgung zu überführen. Beim Clinician Scientist Day präsentierten sie ihre ehrgeizigen Projekte in Kurzvorträgen.
© Fabian Lippke/Uni Kiel

www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2021/229-dora-stoelzl.jpg
Clinician Scientist im Exzellenzcluster PMI: Dr. Dora Stölzl, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des UKSH, Campus Kiel.
© privat

www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2021/229-tim-hollstein.JPG
Clinician Scientist im CSEM-Weiterbildungsprogramms: Dr. Tim Hollstein, Klinik für Innere Medizin I, des UKSH, Campus Kiel.
© Sascha Klahn/Exzellenzcluster PMI, Uni Kiel

Kontakt:
Kaya Saskia Bittkau
Koordinatorin – Clinician Scientist Academy Kiel
Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Telefon: 0431/500-14417

Originalmeldung:
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Eva Sittig, Text: Kerstin Nees
Telefon: (0431) 880-2104, E-Mail: presse@uv.uni-kiel.de

Verantwortlich für diese Presseinformation:

Oliver Grieve, Pressesprecher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein,
Mobil: 0173 4055 000, E-Mail: oliver.grieve@uksh.de

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