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Spät- und Langzeitfolgen einer Krebsbehandlung

Als Folge einer Krebsbehandlung, insbesondere einer Strahlen- oder Chemotherapie, können Jahre bis Jahrzehnte danach gesundheitliche Einschränkungen auftreten, die als Spätfolgen bezeichnet werden.  Neue Krebstherapien ermöglichen häufig größere Heilungs- und Überlebenschancen, können jedoch ebenfalls zu neuen Erkrankungen führen, wobei man über mögliche Langzeitfolgen der neuen Substanzen noch relativ wenig weiß.

Einige Komplikationen können vorübergehend sein, andere können ein Leben lang andauern. Erfahren Sie im Folgenden mehr über die häufigsten Spät- und Langzeitfolgen und wie diese frühzeitig erkannt und effektiv behandelt werden können.

Tumorassoziierte Fatigue

Rund die Hälfte aller Krebspatientinnen und Krebspatienten leiden an übermäßiger Abgeschlagenheit, (tumorassoziierte) Fatigue genannt: Sie sind ständig müde, auch nach geringer Belastung, finden keine Erholung und können sich schlecht konzentrieren.

Fatigue ist das häufigste Folgeproblem einer Tumorerkrankung und -behandlung und kann in allen Krankheitsphasen auftreten.

Man unterscheidet zwischen:

  • Akuter Fatigue: Erschöpfung, die während oder kurz nach einer Krebsbehandlung auftritt.

  • Chronischer Fatigue: Starke Erschöpfung, die noch mehrere Monate oder Jahre nach einer abgeschlossenen Krebsbehandlung an.

Bisher sind die genauen Ursachen für die Fatigue unklar. Man geht davon aus, dass unterschiedliche Faktoren die Fatigue auslösen können. Dazu zählen

  • Psychische Faktoren wie Angst und Niedergeschlagenheit

  • Körperliche Auswirkungen der Krebserkrankung: Auszehrung, Blutarmut, Bewegungsmangel und Schmerzen

  • Nebenwirkungen (Neurotoxizität) von Chemotherapie und Bestrahlung schwächen den Körper und erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Fatigue-Symptomatik

  • Individuelle Empfindlichkeit auf Belastungsreize

  • Stoffwechselveränderungen oder Hormonstörungen (durch Tumor und/oder Therapie verursacht)

  • Medikamentennebenwirkungen

Welche Interventionen haben sich bewährt?

  • Regelmäßige Bewegung und Sport (Trainingsprogramme) zur Verbesserung von Kraft, Energie und Fitness.

  • Psychosoziale Unterstützung.

  • Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

  • Ernährungsberatung (um Mangelernährung zu vermeiden oder ggf. chronische Entzündungsprozesse zu reduzieren).

Am wirksamsten hat sich bisher ein multimodales Therapiekonzept aus den aufgeführten Interventionen dargestellt.

Bei allen Krebspatientinnen und -patienten sollte daher in regelmäßigen Intervallen ein Screening auf Fatigue erfolgen, um frühzeitig eine Therapie einleiten zu können.

Zur Diagnostik gehören eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung, eine Basislabordiagnostik sowie ggf. weiterführende Untersuchungen zum Ausschluss organischer Ursachen einer anhaltenden Erschöpfung und Müdigkeit (bspw. Hormonstörungen, Herzerkrankungen....)

Diagnosekriterien der tumorassoziierten Fatigue nach Cella (2001)

  • Müdigkeit, Energiemangel oder unverhältnismäßig gesteigertes Ruhebedürfnis

  • Gefühl der allgemeinen Schwäche oder Gliederschwere

  • Konzentrationsstörungen

  • Mangel an Motivation, den normalen Alltagsaktivitäten nachzugehen

  • Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis

  • Erleben des Schlafes als wenig erholsam

  • Gefühl, sich zu jeder Aktivität zwingen zu müssen

  • Ausgeprägte emotionale Reaktion auf die Erschöpfung (z.B. Niedergeschlagenheit, Frustration, Reizbarkeit)

  • Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags

  • Störungen des Kurzzeitgedächtnisses

  • Nach körperlichen Anstrengungen mehrere Stunden andauerndes Unwohlsein

Weiterführende Informationen und Unterstützung

Krebsrezidive oder sekundäre Krebserkrankungen

Alle Krebsüberlebenden leben mit der Gefahr, dass ihr Krebs zurückkommt (Rezidiv) oder sich ausbreitet (metastasiert). Manche Patientinnen und Patienten sind zudem im Laufe ihres Lebens von neuen Krebserkrankungen betroffen. Regelmäßige Nachuntersuchungen, Krebsvorsorgeuntersuchungen und die Meldung von Symptomen an Ihre Ärztin oder Arzt können dazu beitragen, neue oder sich ausbreitende Krebsarten so früh wie möglich zu erkennen und zu behandeln.

Doch auch wenn die Erkrankung ggf. zurückkommt oder sich ausbreitet, kann der Krebs in den meisten Fällen behandelt werden. Durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, die sich an dem individuellen Risiko jedes Patienten, neue Krebserkrankungen zu entwickeln, orientieren, kann im Krankheitsfall eine frühe Diagnose und somit eine verbesserte Prognose ermöglicht werden.

Diabetes

Kortison-Präparate werden zur Behandlung bestimmter Krebsarten eingesetzt und können bei einigen Patientinnen oder Patienten (die bisher keinen Diabetes mellitus hatten) während der Behandlung den Blutzuckerspiegel erhöhen. Häufig verbessern sich die Blutzuckerwerte nach Beendigung der Behandlung wieder, können aber bei Patientinnen oder Patienten, die bereits eine Veranlagung für die Entwicklung eines Diabetes mellitus haben, auch dauerhaft erhöht bleiben. Auch andere Medikamente, die in der Behandlung mancher Krebserkrankungen eingesetzt werden, können den Blutzuckerspiegel erhöhen und somit die Entstehung eines Diabetes mellitus begünstigen. Zudem ist das Risiko für Diabetes mellitus erhöht, wenn eine Strahlentherapie im Bereich der Bauchspeicheldrüse stattfand, wobei die Erkrankung in diesen Fällen häufig erst Jahre nach der Strahlentherapie auftritt. Für Risikopatientinnen und -patienten werden daher regelmäßige Kontrolluntersuchungen empfohlen und im Rahmen einer Langzeitnachsorge angeboten.

Veränderungen im Sexualhormonhaushalt

Einige Krebsbehandlungen beeinträchtigen die Wirkung bzw. Bildung der Sexualhormone Östrogen und Testosteron, um das Wachstum eines Tumors zu verhindern. Diese als Hormonablationstherapie bekannten Behandlungen werden am häufigsten bei Prostata- und Brustkrebspatientinnen angewendet, bei denen die folgenden Nebenwirkungen auftreten können:

  • Verminderter Sexualtrieb

  • Gedächtnisverlust

  • Anämie

  • Verminderte Muskelmasse

  • Depression

  • Gewichtszunahme

  • Verlust von Körperbehaarung

Schilddrüsenfehlfunktionen

Patientinnen und Patienten, die mit einer Strahlentherapie im Halsbereich behandelt wurden (beispielsweise bei Lymphomen, aber auch bei Kopf- bzw. Halstumoren), entwickeln im Verlauf häufig eine Schilddrüsenunterfunktion. Die durch die Strahlentherapie geschädigte Schilddrüse kann nicht genügend Hormone produzieren, die daher in Tablettenform zugeführt werden müssen. Symptome einer nicht behandelten Schilddrüsenunterfunktion können eine Gewichtszunahme, Müdigkeit, Verstopfungen, eine trockene Haut sowie eine gesteigerte Kälteempfindlichkeit sein. Selten kann nach einer Bestrahlung im Halsbereich auch eine Schilddrüsenüberfunktion auftreten. Zudem können auch Medikamente wie zielgerichtete Therapien oder Immuntherapien, häufig bereits während der Behandlung, zu Veränderungen der Schilddrüsenfunktion führen.

Inkontinenz

Inkontinenz ist die Unfähigkeit, das Wasserlassen und den Stuhlgang zu kontrollieren. Die Entfernung der Prostata oder der Blase erhöht die Möglichkeit einer Harninkontinenz. Die Behandlung von Dickdarm-, Anal- und Rektumkarzinomen kann die Kontrolle Ihres Darms erschweren (Stuhlinkontinenz). Eine Korrekturoperation zur Reparatur oder zum Ersatz des Analsphinkters kann die Stuhlinkontinenz lindern. Einfache Übungen zur Stärkung der Muskeln im Beckenboden können Ihnen auch dabei helfen, die Kontrolle über den Stuhlgang zurückzugewinnen.

Lern- und Gedächtnisprobleme

Viele Krebspatientinnen und Krebspatienten haben Probleme mit der Merkfähigkeit und dem Gedächtnis während und unmittelbar nach der Behandlung mit bestimmten Chemotherapeutika, einer als "Chemobrain" bekannten Erkrankung. Vor allem nach höheren Bestrahlungsdosen des Gehirns werden dauerhafte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten mit der Tendenz zur langfristigen Verschlechterung beobachtet.

Die Tumortherapie führt häufig zu Funktionseinschränkungen der kognitiven Fähigkeiten. Diese sind:

  • Einschränkungen beim „Multitasking“

  • Verringerte Merkfähigkeit

  • Einschränkungen bei Dauerbelastung (zusätzliche Pausen nötig)

  • Probleme mit neuen Situationen und unvorhergesehen auftretenden Belastungen umzugehen

  • Konzentrationsschwäche

  • Desorganisation

  • Verlangsamtes Denken und Entscheiden

Intervention:

Eine speziell auf Chemobrain-Effekte abgestimmte Behandlung existiert noch nicht. Mögliche Ansätze sind:

  • entlastende Hilfen wie Gehirntraining, zum Beispiel mit Gehirnjogging-Apps für das Smartphone oder Tablet. Diese eignen sich hervorragend, um die grauen Zellen spielerisch und gleichzeitig effektiv zu trainieren. Ebenso haben sich Puzzle oder Sudoku bewährt.

  • das Anfertigen von Notizzetteln als Gedächtnisstütze

  • feste Tagesroutinen

  • Stressvermeidung

  • ausreichende Ruhe

  • Nutzen Sie einen Teil Ihrer Freizeit für regelmäßige Bewegung, zum Beispiel Tanzen. Die Kombination aus komplexen Bewegungsabläufen, dem Miteinander mit der Tanzpartnerin oder dem Tanzpartner und der Musik wirkt sich nicht nur auf Ihr Gedächtnis, sondern auch auf Ihre Lebensfreude aus. Scheuen Sie sich nicht anzufangen, auch wenn Sie noch nie getanzt oder sich bislang nicht viel aktiv bewegt haben.

  • ausreichend Schlaf

Lymphödeme

Lymphödeme treten auf, wenn zum Beispiel Lymphknoten unter dem Arm durch Bestrahlung beschädigt oder chirurgisch entfernt werden. Lymphflüssigkeit sammelt sich im Gewebe an und verursacht schmerzhafte Entzündungen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen.

Faktoren die Ihr Lymphsystem belasten – was Sie vermeiden sollten:

  • Langes Sitzen und Stehen: Lagern Sie – so oft wie möglich – Beine und Arme hoch.

  • Enge Kleidung: Schnürt ein und erschwert den Lymphabfluss zusätzlich.

  • Übergewicht: Es belastet die Lymphgefäße zusätzlich.

  • Zu viel Salz bei der Ernährung: Es bindet das Wasser im Körper. Informationen zur Ernährung bei Lymphödem finden Sie hier.

  • Lange Sonnenbäder, Sauna-Besuche oder heiße Wannenbäder: Wärme weitet die Gefäße.

  • Stress und extreme Kälte: Beides verengt die Gefäße.

Die wirksamste Methode zur Behandlung von Lymphödemen ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE).

Expertinnen und Experten für die KPE finden Sie in Lymphnetzwerken, zum Beispiel dem Lymphnetzwerk Lübeck oder dem Lymphnetzwerk Kiel

Polyneuropathie

Polyneuropathie, ein Kribbeln oder Brennen in Händen und Füßen aufgrund von Nervenschäden, kann durch Bestrahlung, Operation oder Chemotherapien verursacht werden. Dabei tritt die Polyneuropathie am häufigsten bei der Anwendung von Taxanen, Platinderivaten, Vincristin, Bortezomib oder Thalidomid auf.

Auch unter neuartigen Immun-Checkpointtherapien kann es zu polyneuropathieähnlichen Veränderungen kommen, die differentialdiagnostisch berücksichtigt werden sollten.

Für die Diagnostik und Therapie einer Polyneuropathie sind in der Regel Neurologinnen und Neurologen oder spezialisierte Neuroonkologinnen und Neuroonkologen zuständig.

Hilfreich sind

  • Ergotherapie

  • Physiotherapie

  • schmerzlindernde Medikamente

Weiterführende Information und Hilfe

Organschäden

Bestimmte Arten der Krebsbehandlung, insbesondere systemische Tumortherapien, aber auch eine Strahlentherapie, können wichtige Organe rascher altern lassen oder schädigen. Dies kann zu langfristigen Gesundheitsproblemen führen, die bei Langzeitüberlebenden einer Krebsbehandlung früher und häufiger als in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Deshalb ist eine regelmäßige Überwachung in einer spezialisierten Langzeitnachsorgesprechstunde sinnvoll.

Mögliche organische Spätfolgen:

Herzinsuffizienz: Zu den Symptomen gehören Atemnot, Schwäche und Müdigkeit nach regelmäßiger Aktivität oder in Ruhe, Beschwerden in der Brust oder das Gefühl, dass das Herz schnell schlägt.

Lungen- und Atemwegsschäden: Einige Antibiotika, Chemotherapeutika oder Arten von Biotherapien, können Gewebe in Lunge und Bronchien schädigen. Häufige Symptome von Lungenschäden sind Atemprobleme, Husten oder Lungenentzündung.

Nach einer Bestrahlung von Lungentumoren, kann es zu einer so genannten Strahlenfibrose kommen. Bei einer Fibrose handelt es sich um narbige Umbildungen, bei denen das gesunde Gewebe durch weniger elastisches Bindegewebe ersetzt wird und dadurch verhärtet und in seiner Funktion eingeschränkt ist. Eine Strahlenfibrose tritt oft erst mehrere Monate bis Jahre nach der Therapie als Spätfolge auf und bildet sich nicht wieder zurück.

Leberschäden: Zu den Symptomen gehören dunkler Urin, blasser Stuhl, Gelbfärbung der Augen oder der Haut, Schwellung oder Schmerzen des Abdomens, grippeähnliche Symptome oder starke Müdigkeit. Einige Chemotherapeutika erfordern regelmäßige Blutuntersuchungen, um die Leberfunktion zu überprüfen.

Nieren: Zu den Symptomen einer Nierenschädigung gehören ein verminderter Urinfluss, Blasenreizungen, Blut im Urin oder ein brennendes Gefühl beim Urinieren.

Osteoporose

Knochenschwund ist eine häufige Nebenwirkung bei Patientinnen und Patienten mit Lymphomen, Leukämien, Brust- und Prostatakrebs. Eine längere Behandlung mit Kortisonpräparaten, hormonelle Veränderungen als Folge einer Krebsbehandlung (insbesondere Veränderungen im Sexualhormonhaushalt), bestimmte Medikamente, aber auch eine Strahlentherapie und eine Mangelernährung erhöhen das Risiko, eine Osteoporose zu entwickeln. Zudem befallen manche Krebsarten den Knochen und schwächen ihn somit zusätzlich.

Sexuelle Funktionsstörung

Bei vielen Krebsüberlebenden treten als Folge der Krebserkrankung – bzw. behandlung Einschränkungen der Sexualfunktion auf. Männer können von einer erektilen Dysfunktion (ED) betroffen sein; Frauen können unter plötzlich einsetzenden Wechseljahres-Beschwerden oder vaginaler Trockenheit leiden. Sprechen Sie Ihre Ärztin oder Arzt darauf an, um mehr über entsprechende Behandlungsmaßnahmen zu erfahren.

Weitere Informationen und Unterstützung finden Sie in den ausgezeichneten Ratgebern des Krebsinformationsdienstes

Weiterführende Informationen zu Spätfolgen einer Krebserkrankung