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Ukrainischer Gesundheitsminister im Interview

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Ein Interview von Martin U. Müller vom 31.05.2022 | SPIEGEL+


»Unser medizinisches System läuft im Kriegsmodus«

Die Lage im ukrainischen Gesundheitswesen ist desaströs. Wiktor Ljaschko über Krankenhäuser, die so schwer zerstört sind, dass sie für immer verloren sind – und medizinisches Personal, das ohne Strom und Wasser arbeitet.

Die russischen Angriffe auf die Ukraine machen auch vor der medizinischen Infrastruktur nicht halt . Nach bedrückenden Bildern einer Attacke auf eine Geburtsklinik in Mariupol Mitte März sind in den vergangenen Wochen zahllose Krankenhäuser beschädigt oder vollständig zerstört worden. Auch Ärztinnen und Ärzte wurden verletzt oder getötet.

Weil Russland immer wieder offenkundig gezielt Gesundheitseinrichtungen der Ukraine angriff, gab es zuletzt Stimmen, die einen Ausschluss Russlands aus dem Exekutivrat der Weltgesundheitsorganisation forderten. Den wohl besten Überblick über die Lage im ukrainischen Gesundheitswesen hat Gesundheitsminister Wiktor Ljaschko. Ljaschko, selbst Arzt, ist für das Interview mit dem SPIEGEL über das Konferenzsystem Webex aus Kiew zugeschaltet. Er ist bei seinen öffentlichen Auftritten ähnlich wie Präsident Wolodymyr Selenskyj gekleidet, trägt einen olivgrünen Pullover, dessen Reißverschluss geöffnet ist. Im Hintergrund ist eine ukrainische Fahne zu sehen. Er hat wenig geschlafen. Mit in der Leitung ist aus Kiel zugeschaltet Jens Scholz, Bruder von Bundeskanzler Olaf Scholz . Er ist Chef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Sein Klinikum kooperiert bereits seit 2014 mit der Ukraine, liefert Hilfsgüter und spendet im Millionenbereich. Gerade erreichten die Ukraine ausgemusterte Beatmungsgeräte aus Beständen des Klinikums. Aktuell befinden sich 60 Pflegekräfte aus der Ukraine in der Betreuung des UKSH und werden auf ihre Anerkennungsprüfung vorbereitet. Das Klinikum versorgt zudem 574 ukrainische Patienten. Ljaschko antwortet auf Ukrainisch, das Interview wird von einem Arzt des UKSH gedolmetscht, der beide Sprachen fließend spricht.

Fotonachweis: Agencja Wyborcza.pl via REUTERS Fotonachweis: Agencja Wyborcza.pl via REUTERS

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SPIEGEL: Herr Minister, wie ist aktuell die medizinische Versorgungslage in der Ukraine?

Ljaschko: Seit den ersten Tagen des Krieges haben wir unser medizinisches System umgeschaltet auf Kriegsmodus. So funktioniert die Versorgung relativ gut, aber natürlich ist nicht alles perfekt. Die Ukraine ist ein großes Land, in Gegenden, wo die Situation kritisch ist, ist auch die medizinische Versorgung gestört. Dort, in Zone eins, werden die Patienten evakuiert in eine zweite Zone. Deren Bereiche liegen nahe am Kriegsgebiet, aber nicht unmittelbar darin. Dann gibt es eine dritte Zone, etwa im Westen der Ukraine. Dorthin sind Menschen aus dem Osten des Landes geflohen, und deshalb gibt es auch dort Probleme, weil die medizinische Infrastruktur nun mit mehr Menschen zu tun hat. Wie schwer unsere medizinischen Einrichtungen betroffen sind, zeigen diese Zahlen: Es gibt 678 Krankenhäuser, die teilweise beschädigt worden sind, 104 sind so schwer zerstört, dass man sie nicht mehr wiederaufbauen kann. 379 Apotheken sind beschädigt, 28 Apotheken sind komplett zerstört.

SPIEGEL: Wie gut funktioniert die Versorgung aktuell im Bereich der niedergelassenen Ärzte?

Ljaschko: Im Westen und im Zentrum des Landes funktioniert die ambulante Versorgung, weil es dort keine aktive Kriegshandlung gibt. Es gibt aber auch Helden, die mitten im Kriegsgebiet arbeiten. Zum Beispiel in der Stadt Isjum, wo ein Krankenpfleger auch an Kriegstagen weitergearbeitet hat. Es sind noch sechs, acht weitere Pfleger dazugekommen, teilweise mit Rettungswagen. Die haben dann kranke Leute versorgt inmitten des Krieges, Herzinfarkte, Schlaganfälle. Das sind wahre Helden!

SPIEGEL: Sehen Sie eine Übersterblichkeit, weil Menschen wegen des Krieges etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle nicht behandeln lassen können?

Ljaschko: Es gibt darüber noch keine Daten. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind geflohen, hauptsächlich aus dem Osten und Süden Richtung Zentrum und Westen der Ukraine. Mehr als fünf Millionen Menschen haben die Ukraine verlassen.

Zimmer im Feldlazarett in der Nähe von Popasna, Region Luhansk, Ostukraine, Maxim Dondyuk Zimmer im Feldlazarett in der Nähe von Popasna, Region Luhansk, Ostukraine, Maxim Dondyuk

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Ein Auto brennt neben einer durch einen Angriff beschädigten Geburtsklinik in Mariupol, dpa Ein Auto brennt neben einer durch einen Angriff beschädigten Geburtsklinik in Mariupol, dpa

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Es gibt Regionen, die russisch okkupiert sind. Dort gibt es praktisch keine medizinische Versorgung. Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es gibt keine grünen Korridore für Menschen mit akuten Erkrankungen. Auch die Versorgung mit Medikamenten funktioniert dort nicht. Über Evakuierungsprogramme werden Patienten aus der Ukraine teilweise in Europa verteilt. Daten wie Alter, Art der Erkrankung oder Verletzung werden in eine Datenbank eingegeben. Die Luftwaffe der Bundeswehr hat auch Patienten nach Deutschland geflogen. »Es werden alle verletzten und erkrankten Menschen behandelt, egal wo sie herkommen. Das gilt auch für russische Soldaten.«

SPIEGEL: Werden auch russische Soldaten in der Ukraine behandelt?

Ljaschko: Es gibt solche Fälle. Die Ukraine hat die Genfer Konventionen unterschrieben. Es werden alle verletzten und erkrankten Menschen behandelt, egal wo sie herkommen. Das gilt auch für russische Soldaten. Es gibt Fälle, in denen Ukrainer für russische Soldaten Blut gespendet haben. Wir wissen nicht, ob die russische Seite auch Ukrainer behandelt hat.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Coronalage in der Ukraine ein? Was hat der Krieg hier verändert?

Ljaschko: Die Coronasituation ist ähnlich wie in Westeuropa. Wir haben deutlich weniger neue Fälle, die Hospitalisierungsrate ist auch gesunken. Im Osten wie im Süden fehlen uns Daten, hier können wir die Situation nicht einschätzen.

SPIEGEL: Sie bekommen viel Hilfe aus aller Welt für den Medizinsektor. Was bekommen Sie konkret?

Ljaschko: Das ukrainische Gesundheitssystem bekommt großartige Hilfe aus vielen europäischen Ländern. Aus Deutschland kommt jede Menge. Die Situation ist dramatisch. Das System ist durch den Krieg unterfinanziert, wir benötigen Geld für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr bereitstehen. Teilweise arbeiten sie ohne Strom, ohne Wasser. »25 Prozent der geflüchteten Krankenschwestern werden in Europa bleiben.«

SPIEGEL: Fürchten Sie, dass ukrainische Ärzte und Pfleger, die etwa nach Deutschland geflohen sind, nicht mehr zurückkommen könnten, weil sie in deutschen Krankenhäusern eine Anstellung gefunden haben?

Ljaschko: Viele Menschen, die die Ukraine verlassen haben, sind Frauen mit Kindern. Wir gehen davon aus, dass die meisten von ihnen auch wieder zurückkehren werden. Sicher werden aber auch einige bleiben. Die Ukraine strebt an, in die EU einzutreten. Das wird dann so kommen wie beispielsweise in Polen damals. Viele polnische Ärzte und Krankenpfleger haben Polen verlassen, um etwa in Großbritannien zu arbeiten. Das wird in der Ukraine nicht anders laufen. 25 Prozent der geflüchteten Krankenschwestern werden in Europa bleiben, der Rest kehrt nach unseren Prognosen zurück. Bis 2030 wird der Pflegekräftemangel in Europa und der Welt stark zunehmen. Als der WHO-Chef Tedros Ghebreyesus in der Ukraine war, haben wir auch darüber gesprochen.

SPIEGEL: Werden weiterhin Medizinstudenten ausgebildet?

Ein Feldlazarett an der Front in der Nähe von Popasna, Region Luhansk, Ostukraine, Maxim Dondyuk Ein Feldlazarett an der Front in der Nähe von Popasna, Region Luhansk, Ostukraine, Maxim Dondyuk

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Ljaschko: Ja, wir lassen derzeit sogar 25 Prozent mehr Studenten zum Studium zu. Zwei medizinische Universitäten sind umgezogen, es wird online weiter unterrichtet. Wir überlegen ständig, was wir noch verbessern können.

SPIEGEL: Gibt es noch in irgendeiner Weise Forschungstätigkeiten an Ihren Krankenhäusern und Kommunikation über medizinische Fortschritte im internationalen Rahmen?

Operationssaal in einem Militärkrankenhaus in Saporischschja. Operationssaal in einem Militärkrankenhaus in Saporischschja. Hier entfernen Ärzte Splitter und Kugeln aus den Körpern verwundeter Soldaten der ukrainischen Armee, die in den Regionen Mariupol, Donezk und Cherson verletzt worden sind., Maxim Dondyuk

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Ljaschko: Die Zusammenarbeit in der Forschung gibt es nach wie vor. Aber wegen des Krieges gibt es auch Umstrukturierungen in unserer Forschungslandschaft. Zum Beispiel hat das nationale Krebsforschungszentrum in Kiew gerade auch andere Aufgaben. Früher wurden dort nur onkologische Patienten behandelt, jetzt kommen dort auch sehr viele Kriegsverletzte hin. Es werden hochtechnologisierte Operationen durchgeführt oder laparoskopische Eingriffe. Der Krieg macht unsere Pläne kaputt. Es sollte etwa dieses Jahr mit dem Neubau des Universitätsklinikums Kiew begonnen werden.

SPIEGEL: Wie funktioniert derzeit die Zusammenarbeit in der Regierung? Finden gemeinsame Sitzungen statt? Gibt es auch andere Themen als den Krieg?

Ljaschko: Darüber könnten wir stundenlang sprechen. Alle Ministerien sind im Kriegsmodus. Mein Ministerium arbeitet sieben Tage die Woche. Ich übernachte oft im Büro, bin viel unterwegs im Land, vor allem in Gegenden, in denen die Lage angespannt ist. Viel läuft online derzeit.

SPIEGEL: Sie sind Arzt. Juckt es Sie derzeit in den Fingern, wieder als Arzt zu arbeiten und direkt helfen zu wollen?

Ljaschko: Wir alle haben das Gefühl, kämpfen zu wollen, um die Ukraine zu beschützen. Doch es müssen sich auch Menschen um organisatorische Dinge kümmern. Ich arbeite deutlich mehr und intensiver als vor dem Krieg. So leiste ich auch etwas für die Ukraine. Es ist Ministern und anderen Personen in politischen Positionen mittlerweile gesetzlich verboten, in den Fronteinsatz zu gehen.


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